Interview


Laurence „Laurie“ Fotheringham ist schon seit 1998, den frühen Tagen des Osterberg-Instituts, als Ausdrucksmalleiter dabei. Später startete er auch bei uns sein Weiterbildungsprogramm „Lehr- und Wanderjahre“, das er im Odenwald-Institut bereits ab 1985 angeboten hatte. Nun, nach über 30 Jahren intensiver Kurstätigkeit, will er sich allmählich aus der Arbeit als Ausdrucksmalleiter zurückziehen.

In bewundernswerter Weise gestaltete der gebürtige Schotte und Wahl-Schweizer dafür einen Übergang, indem er seine eigenen Anteile als Weiterbildungsleiter der „Lehr- und Wanderjahre“ reduzierte und Margot Saak-Bitterling als zweite Leiterin mehr und mehr Verantwortung übergab. Nun hat Laurence Fotheringham offiziell die Leitung der Weiterbildung Ausdrucksmalen abgegeben. Glücklicherweise bleibt er dem Institut aber noch als „Gast-Leiter“ in der nächsten Weiterbildung und als Leiter in einigen Seminaren erhalten. Diesen Zeitpunkt nutzte Institutsleiterin Katarina Weiher, um einen Menschen zu befragen, der das Ausdrucksmalen in Deutschland bekannt gemacht und verbreitet hat.



Was ist für Dich die Basis im Ausdrucksmalen?

Meine Arbeit ist geprägt von der Überzeugung, dass Entwicklung und Wachstum zu einem selbständigen, kreativen, handlungs- und beziehungsfähigen Menschen nur möglich ist, wenn wir die ursprüngliche, kindliche Art zu lernen wiederentdecken. Dieses ganzheitliche Lernen führt uns Schritt für Schritt zurück zu unserem Urvertrauen und zum Kern unseres Wesens.

Ist es wichtig für Deine Arbeit,
dass Du als Malleiter dem Prozess vertraust?

Es kann gar nicht anders sein. Die Person, die malt, tritt in einen schöpferischen Prozess ein, ohne genau definiertes Ziel. Das Endergebnis ist ebenso ungewiss wie die Zeit, die dafür benötigt wird. Kreative Neugier und Entdeckungslust bringen diesen Prozess voran. Die Erfahrungen und Erlebnisse auf dem Weg führen zu neuen Erkenntnissen. Sie sind ebenso wichtig wie das fertige Bild, welches das sichtbare Ergebnis des durchkämpften Weges ist, im Einklang mit seinem Schöpfer steht und diesen oft tief beglückt und mit Stolz erfüllt.

Du hast erzählt, dass Dich, neben der Gestalttherapie,
ein Buch von Frédérick Leboyer besonders inspiriert hat.

Ja, er beschreibt die verschiedenen Phasen des Geburtsprozesses aus der Sicht des Kindes, das auf der Welt kommt. Für mich war das unglaublich berührend. Und ich sehe die Parallelen zu meiner Arbeit. Wir kommen während des Malprozesses an Engpässe, nichts scheint mehr weiterzugehen. Stillstand, Verzweiflung, die Angst, sterben zu müssen. Und dann geht es doch weiter, die nächste Welle kommt, trägt uns fort zu einer neuen Erfahrung. Wenn wir im Ausdrucksmalen vergleichbaren Phasen begegnen, ist der Malende herausgefordert, sich den Problemen zu stellen. Dadurch werden Lösungen möglich. Gefühle von Enttäuschung, Hilflosigkeit, Ratlosigkeit, Hoffnungslosigkeit und Lähmung sind entscheidende Wegweiser auf dem Weg zur Lösung. Die Spannung ist unangenehm und oft kaum zu ertragen. Doch gerade in dem Moment, da die Probleme unüberwindbar und die Krisen abgrundtief scheinen, wachsen sehr oft erstaunliche Kräfte. Gestaute Gefühle wie Wut und Trauer brechen durch und führen zu ungeahnten Lösungen. Lösungen sind Erfolgserlebnisse: „Ich habe es geschafft!“ Diese wiederum erzeugen Selbstvertrauen, das Gefühl, fähig zu sein, schwierige Situationen zu meistern. Dieses erworbene Selbstvertrauen gibt Mut, erneut Risiken einzugehen.

Wenn Du auf Deine Zeit als Ausdrucksmalleiter schaust, mit welchem Bild würdest Du diese beschreiben?

Mir fallen da verschiedene ein. Zum einen sehe ich das, was entstanden ist, als Garten. Du kannst sagen, ich war der Pionier, der in einer Wildnis einen Garten angelegt hat. Man kann auch sagen, ich sei ein Kompostierer – es finden nämlich echte Umwandlungsprozesse während des Ausdrucksmalens statt. Als Leiter bin ich auch Hebamme. Ich begleite die Malenden in dem Prozess, ihr Kind zu gebären – das Bild, welches in ihnen steckt. Wege bahnen, schauen, wo gute Gründe sind, dass etwas wachsen, sich verändern kann – das scheint mir verbindend zu sein zwischen Hebamme und Pionier.

Und wenn Du jetzt Deine Arbeit anderen übergibst,
was empfindest Du?

Dankbarkeit, eine tiefe Wertschätzung für die Menschen, die schon so lange mit mir arbeiten, und ein großes Vertrauen, dass der Prozess mit dem neuen Leitungsteam gut weiter gehen wird.

Dass sie den Garten gut pflegen werden?

Nein, denn es ist jetzt ihre Verantwortung, daraus zu machen, was für sie selbst passt, für den Zeitgeist und für die Menschen, mit denen sie arbeiten. Eine neue Generation ist an der Reihe. Das ist gut so.
Sie kommen mit neuer Energie, neuen Ideen. Ich bin neugierig, wie sich das Ausdrucksmalen weiter entwickelt. „I trust the process", weil ich weiß, dass wir im Kern tief verbunden sind.

Interview erschienen im Newsletter „LebensArt“ des Osterberg-Institut. (Ausgabe Mai 2011)